Gerhard Wagner

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Gerhard Gottfried Wagner (* 1. Mai 1950 in Bietigheim / Württemberg, † 18. Juli 2011 in Stuttgart) war ein Schriftsteller und Buchhändler. Er lebte und arbeitete seit 1984 in Stuttgart im Stadtteil Gaisburg.

Gerhard Wagner
Photo: Klaus Rau, Wikimedia Commons

Leben und Wirken

Jugend und Ausbildung

Gerhard Wagner wuchs ab dem 7. Lebensjahr in Mittelfranken auf. Von 1966 bis 1969 absolvierte er in Fürth eine Buchhändlerlehre. Bereits während seiner Lehre schrieb Wagner Prosa.

Schriftsteller und Buchhändler

Nach dem anschließenden Zivildienst hielt er sich zwischen 1972 und 1974 zweimal für mehrere Monate in Irland auf. Dort lebte er abgeschieden und einfach auf einer Insel vor der irischen Westküste. Dort entstand die Erzählung „Blick auf die Landkarte“, die dann in dem 1975 erschienenen Erzählungsband „Schönes Wochenende“ abgedruckt wurde.

Seit seiner Rückkehr aus Irland arbeitete Wagner im Buchhandel als „Brotberuf“ - und zwar zweieinhalb Tage die Woche -, um so den Rest der Woche fürs Schreiben verwenden zu können. Wagners schriftstellerische Tätigkeit als freier Autor umfaßt Prosa, Essays und Gedichte.

1975 gründete Wagner das Jahrbuch „Nürnberger Blätter für Literatur“. 1978 erhielt er als Anerkennung für seine Leistungen den Kulturförderpreis der Stadt Erlangen für Literatur. Da Wagner von 1980 bis 1982 ein Priesterseminar besuchte, übergab er die „Nürnberger Blätter“ dem Schriftsteller und Rundfunkautor Reinhard Knodt, der sie als philosophisch-literarische Zeitschrift unter dem Titel „Nürnberger Blätter - Zeitschrift für Philosophie und Literatur“ bis 1985 weiterführte.

1988 erhielt Wagner ein Literaturstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg als Anerkennung seiner bisherigen Arbeit einschließlich seines „Fahrtenbuch für den Mann im Mond“.

Im Priesterseminar genoß Wagner von 1980 bis 1982 die Unterstufe der dortigen Ausbildung. Richtungsweisendes Erlebnis war für ihn das Erlernen der altgriechischen Sprache und die nähere Kenntnis der Philosophie des Deutschen Idealismus, insbesondere der Philosophie Schellings. Diese Anregungen vertiefte er in seiner weiteren (unveröffentlichten) literarischen Arbeit, aus der seit 1989 bisher vier aufeinander bezogene Romane entstanden sind.

Die „Gaisburger Märsche“ gegen die Rechtschreibreform

Am 16. Februar 1997 besuchte Gerhard Wagner im Wangener Theaterhaus in Stuttgart eine Podiumsdiskussion „Die rechtschreibreform: eine katastrofe?“ Podiumsteilnehmer waren als Rechtschreibreformkritiker der Lehrer Friedrich Denk und der Schriftsteller Rafik Schami, [1] als Reformbefürworter Professor Lutz Götze, der Bearbeiter des Bertelsmann-Wörterbuchs und somit Repräsentant des Kommerzes.

Als Lutz Götze äußerte, die Reform diene auch dazu, „das Niveau der Deutschen dorthin zu drücken, wo es hingehört“, beschloß Wagner, etwas gegen die Rechtschreibreform zu unternehmen. Er begann nach dem Beispiel Friedrich Denks in Bayern im April 1997 in Stuttgart für Baden-Württemberg eine Unterschriftenaktion gegen die Rechtschreibreform, den „Gaisburger Marsch gegen die Rechdschreiprephorm“. Gaisburg ist ein Stadtteil von Stuttgart, und „Gaisburger Marsch“ ist der Name des dortigen populären Eintopfgerichtes. Da Wagner im Stadtteil Gaisburg wohnte und seine Bürgerinitiative von dort ausging, benannte er seinen Protestmarsch nach dem Ortsteil Gaisburg.

Aus dieser Zeit stammt seine Streitschrift: „O sammetes Fell meiner Liebe, PolitikerInnenschelte zur Rechtschreibreform“ (Volksbegehren). In dieser Flugschrift befaßte er sich u.a. auch mit dem Zusammenhang der Reform mit ihrem nationalsozialistischen Vorläufer und dem Verhalten der GRÜNEN, die im baden-württembergischen Landtag unter Vorsitz von Fritz Kuhn, 1989 bis 1992 Professor für sprachliche Kommunikation an der privaten Stuttgarter Merz-Akademie, für die Reform eintraten.

Der Vorsitzende der Jungen Liberalen des Kreises Böblingen, Christian Hoffmann, kam mit seinen Anhängern hinzu und meldete die Volksbewegung schließlich regelrecht als Volksinitiative gegen die Rechtschreibreform beim Innenministerium an. Von den Jungen Liberalen stammt die Formulierung „Antrag auf Zulassung des Volksbegehrens zum Zwecke der Einbringung des Gesetzentwurfs betr. die sofortige Aussetzung der Rechtschreibreform an den Schulen in Baden-Württemberg“. Beim vierten Gaisburger Marsch am Samstag, 12. Juli 1997, in Leonberg (Kreis Böblingen), waren die Jungen Liberalen dann dabei.

Als Angestellter einer Buchhandlung sah Wagner „dicke Kapital-Interessen“ hinter den neuen Schreibweisen. Die Reform der Rechtschreibregeln nütze allein den Verlagen, vor allem denen, die Wörterbücher herausgeben. Dieser Einbruch der Wirtschaftsinteressen ins Bildungswesen müsse gestoppt werden. Gerhard Wagner konnte den Kunden aus Gewissensgründen den DUDEN nicht empfehlen. Er hatte die Kunden darüber aufgeklärt, daß der neue Duden schon jetzt Makulatur sei, und ihnen empfohlen, statt dessen Geschenkgutscheine zu kaufen. Daraufhin wurde er im Juli 1997 entlassen. Dies war eine Warnung für alle anderen angestellten Buchhändler, den Kunden nicht die Wahrheit über den DUDEN zu sagen. Wagner gehörte somit zu den ersten Opfern der Rechtschreibreform. Über diese Vorgänge berichtete Dankwart Guratzsch in DIE WELT vom 19. Juli 1997.

Zum fünften Gaisburger Marsch am 20. Juli 1997 kam die Lehrerin Hilde Barth aus Eningen unter Achalm von der „Lehrerinitiative gegen die Rechtschreibreform Baden-Württemberg“ mit einem eigenen Unterschriftenstand hinzu.

Beim sechsten Gaisburger Marsch am Mittwoch, 20. August 1997, in Marbach erhielt Wagner von der Marbacher Zeitung den Ehrentitel „Rechtschreibreform-Rebell“.

Mit seinen Gaisburger Märschen hatte Gerhard Wagner den Anstoß für weitere Unterschriftensammlungen in Baden-Württemberg im Rahmen der Volksinitiative gegen die Rechtschreibreform gegeben. Hilde Barth sammelte allein 5.000 Unterschriften. Hinzu kam in Schopfheim der Buchdrucker Hans-Friedrich Tschamler mit seinem fliegenden Klassenzimmer. Die baden-württembergische Volksinitiative gegen die Rechtschreibreform war mit weit mehr als den erforderlichen Unterschriften erfolgreich.

Bedeutung der Gaisburger Märsche

Wagners Gaisburger Märsche sind ein Teil jener Graswurzelbewegung gegen die Rechtschreibreform, die zunächst die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung dazu bewegte, ihre Reform zu überprüfen:

  • Vorschläge zur Präzisierung und Weiterentwicklung der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung [= erster Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung; Mannheim (Institut für deutsche Sprache), Januar 1998].

Ferner wurden durch die Bürger-, Volks- und Lehrerinitiativen gegen die Rechtschreibreform auch etliche Eltern ermutigt, für ihre Kinder Klageverfahren vor den Verwaltungsgerichten zu führen. Von diesen waren ungefähr die Hälfte erfolgreich.

Der Rechtschreibreformer Professor Horst Haider Munske trat im September 1997 sogar unter Protest aus der Zwischenstaatlichen Kommission aus. Des weiteren wurde die Kultusministerkonferenz dazu bewegt, der „Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung“ einen „Beirat für deutsche Rechtschreibung“ beizuordnen und im Dezember 2004 einen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ einzusetzen und somit die Zwischenstaatliche Kommission zu entmachten. Dieser Rechtschreibrat machte zumindest einen kleinen Teil der Rechtschreibreform rückgängig.

Im Sommer 2000 schrieb Wagner – beflügelt von der Rückkehr der FAZ zur traditionellen Orthographie – in Anlehnung an Heinrich Heines Gedicht „Deutschland, ein Wintermärchen“ ein Gedicht zur Geschichte der Rechtschreibreform: „Aus Deutschland. Kein Kindermärchen“. Er widmete sein Gedicht Friedrich Denk und dessen Sohn Wolfgang, der als erster im Sommer 1996 auf die Parallele zum „Neusprech“ (englisch: Newspeak) in George Orwells Zukunftsroman „1984“ hingewiesen hatte.

Auszeichnungen

  • 1978 Kulturförderpreis der Stadt Erlangen für Literatur [2]
  • 1988 Literaturstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg [3]
  • 1990 Jahresstipendium für Literatur des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst in Baden-Württemberg

Veröffentlichungen (Auswahl)

Werke

  • Gerhard Gottfried Wagner: Anhäufungen. Eine Liebesgeschichte. Illustrationen von Wolfgang Turba. Starnberg: Raith-Verlag, 1971, 70 S., ISBN 3-921121-14-0
  • Schönes Wochenende. 3 Erzählungen. Zürich, Köln: Benziger-Verlag, 1975, 125 S.; ISBN 3-545-36240-X
  • Die Tage werden länger. Erzählung. Zürich, Köln: Benziger-Verlag, 1978, 179 S., ISBN 3-545-36278-7
  • Fahrtenbuch für den Mann im Mond. Prosabilder. Zürich; Frauenfeld: Verlag Nagel & Kimche, [1988], 85 S., ISBN 3-312-00139-0
  • Logbook For The Man In The Moon. The Albion-College Review Vol. XV, 1991, University of Albion, Michigan, USA, 1991
  • Integralblitz, [Theaterspiel], Inszenierung des 2. Chorlieds der Antigone des Sophokles, gestaltet auf dem Stuttgarter Gaskessel, 1991
  • Aus Deutschland. Kein Kindermärchen (unveröffentlichtes Gedicht zur Geschichte der Rechtschreibreform), 2000

Artikel (Auswahl)

  • Schubart fiebert farbig, Poesie zu Thomas Deyles Gebilden. In: Katalog zu Thomas Deyle, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart 1990, ISBN 3-923 717-63-6
  • Integralblitz, Bildbericht Gaskesselinszenierung. In: Kundenmagazin Technische Werke Stuttgart, 3/1991, S. 9 (heute: EnBW = Energie Baden-Württemberg AG)
  • Wortstrom, Erzählung zum Neckarprojekt von Edgar Harwardt, Ausstellungsleporello Städtische Galerie, Villingen-Schwenningen, 1993
  • Aus dem alten Westen in die neue Mitte, Belehrung. In: „Burg“, Fanzine der „Kreuzritter für Deutschland“, Stuttgart, 1993
  • „Das Tor“, Erzählung zum 100-jährigen Jubiläum des VfB Stuttgart, Ausstellungskatalog der Galerie Atlantis, Stuttgart 1993
  • „Inter-Info“, Poesie zur Fernsehturm-Installation von Branko Smon, Faltblatt der Fernsehturmbetriebsgesellschaft Stuttgart, 1993
  • „Sauerwasserkalk“, Prosa zur Neckar-Installation von Niko Tenten, Akademie Schloß Solitude, Kundenmagazin Technische Werke Stuttgart 7/8 1991, S. 5 (heute: EnBW = Energie Baden-Württemberg AG)
  • Levitation Staatsgalerie [Staatsgalerie Stuttgart, genauer die unterirdische Stadtbahnhaltestelle „Staatsgalerie“], Zur Aktion von Edgar Harwardt, Städtische Straßenbahnen SSB, Stuttgart 1995, Sonderveröffentlichung der Stuttgarter Straßenbahnen AG # http://www.diedrei.org/Heft_4_06/heft0406.htm
  • „0 sammetes Fell meiner Liebe“, PolitikerInnenmaulschelle zur Rechtschreibreform (Volksbegehren), Selbstverlag, Stuttgart, 1997
  • Gaslicht-Kunstlicht, zur Gaskessel-Installation von Jost Schrader. In: Kundenmagazin der Neckarwerke 5/2003, S.10 (heute EnBW) - http://www.stadtgedichte.de/
  • Über die Steigbilder von Edgar Harwardt. In: die Drei 4/2006, S. 38 f.

Literatur

  • Gerhard Gottfried Wagner. In: Kürschners Deutscher Literatur-Kalender (darin seit 30 Jahren)
  • Dankwart Guratzsch: Kippt die Rechtschreibreform? FDP-Chef Gerhardt will Änderungen mit Bundestagsbeschluß verhindern. In: DIE WELT vom Samstag, 19. Juli 1997, S. 1 - www.welt.de (Darin Gerhard Wagners 5. „Gaisburger Marsch“ vom 20. Juli 1997 zum baden-württembergischen Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform vor das Alte Schloß auf dem Stuttgarter Schillerplatz)
  • Manfred Riebe; Norbert Schäbler; Tobias Loew (Hrsg.): Der „stille“ Protest. Widerstand gegen die Rechtschreibreform im Schatten der Öffentlichkeit. Briefe, Eingaben und sonstige Schriftstücke. St. Goar: Leibniz-Verlag, Oktober 1997, 298 Seiten, ISBN 3-931155-10-2 (Eine Dokumentation von 21 Initiativen gegen die Rechtschreibreform). Darin:
    • Brief an den Präsidenten des Oberlandesgerichts Stuttgart vom 17. Juni 1997. Aktion für eine Volksabstimmung gegen die Rechtschreibreform, S. 65
    • Der Präsident des Oberlandesgerichts Stuttgart, Stilz, vom 19. Juni 1997 an Gerhard Wagner: Ablehnender Bescheid, S. 66
  • Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V. (VRS): Unser Kampf gegen die Rechtschreibreform, Volksentscheid in Schleswig-Holstein. Nürnberg 1998, 34 Seiten (auf Seite 33 f. eine Adressenliste aller Bürger- und Volksinitiativen gegen die Rechtschreibreform in den 16 Bundesländern)

Querverweise

Sachartikel

Personenartikel

Netzverweise

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Rafik Schamis Kampf gegen die Rechtschreibreform an der Seite von Friedrich Denk und entsprechende Literatur werden nicht erwähnt.
  2. Stadt Erlangen: Kulturpreise und Kulturförderpreise - kubiss.de
  3. Kunststiftung Baden-Württemberg GmbH, Stuttgart, unabhängige parlamentarische Einrichtung der Kunstförderung - und http://www.kunststiftung.de/institution/portrait/index.php kunststiftung.de