Luc Jochimsen

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Luc Jochimsen, geb. Lukrezia Schleußinger, (* 1. März 1936 in Nürnberg) ist eine promovierte Soziologin, Publizistin, Fernsehjournalistin und Politikerin (PDS / Die Linke). Sie ist Kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Deutschen Bundestag und kandidierte im Juni 2010 für das Amt der Bundespräsidentin.

Luc Jochimsen
© Dr. Lukrezia Jochimsen / Laurence Chaperon
Konkret-Literatur, 1986

Leben und Wirken

Herkunft

Luc Jochimsen wurde in Nürnberg als Tochter eines Speditionskaufmanns geboren.

Schule, Studium und Promotion

In Frankfurt am Main bestand sie 1956 das Abitur. Anschließend studierte sie Soziologie bei Helmut Schelsky und Heinz Kluth, Politikwissenschaft bei Siegfried Landshut und Philosophie an der Universität Hamburg. 1961 wurde sie bei Helmut Schelsky an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster mit einer Doktorarbeit über „Zigeuner heute – Untersuchung einer Außenseitergruppe in einer deutschen Mittelstadt“ zum Dr. phil. promoviert.

Publizistin

Von 1961 bis 1975 war Jochimsen als freie Autorin tätig.

Journalistin

Danach arbeitete Luc Jochimsen zehn Jahre beim Polit-Magazin „Panorama“ in Hamburg und berichtete danach als Korrespondentin aus London. Anschließend gelang ihr als erst dritter Frau in der ARD der Sprung auf eine Spitzenposition: Von 1994 bis 2001 war Luc Jochimsen Fernseh-Chefin des Hessischen Rundfunks (HR), der lange mit dem Image des linkslastigen „Rot-Funks“ behaftet war.

Politikerin

Nach ihrem Abschied in den Ruhestand beim Hessischen Rundfunk ging Jochimsen mit 65 Jahren in die Politik. 2002 kandidierte sie für die PDS, die Vorläuferpartei der Linken, in Hessen. Sie scheiterte, weil die Partei bei der Bundestagswahl nicht den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffte. 2005 zog Jochimsen dann über die Thüringer Landesliste der PDS in den Bundestag ein.

Im Parlament arbeitete die Abgeordnete im Ausschuß für Kultur und Medien. Sie setzte sich unter anderem für den 8. Mai als Nationalfeiertag und eine Verschiebung des Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses ein. Sie trat auch gegen eine Verlängerung der Stasi-Überprüfung von Mitarbeitern im öffentlichen Dienst ein.

Für Schlagzeilen sorgte sie mit einer Aktion bei der Einweihung des Ehrenmals der Bundeswehr im September 2009: Jochimsen erschien zum Festakt mit einem Schal mit der Aufschrift „Nun erst recht. Raus aus diesem Krieg“. Der Aufforderung, den Schal abzulegen, folgte sie nicht, so daß die Polizei einschreiten mußte. [1]

Ehe und Familie

Luc Jochimsen hat einen Sohn. Sie ist in zweiter Ehe mit dem Journalisten Lukas Maria Böhmer verheiratet. Böhmer wurde unter anderem durch einen Dokumentarfilm über Marianne Bachmeier bekannt. Diese hatte Anfang der 80er Jahre den Mörder ihrer kleinen Tochter im Lübecker Landgericht erschossen und war zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Lukas Maria Böhmer hatte sie in den letzten Monaten ihres Lebens mit der Kamera begleitet, bevor sie mit 46 Jahren an Krebs starb.

Die Eheleute leben in Hamburg und im italienischen Veneto, wo sie einen zweiten Wohnsitz haben. [2]

Kandidatin bei der Bundespräsidentenwahl

Die Partei „Die Linke“ stellte die 74jährige Bundestagsabgeordnete Luc Jochimsen als Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl am 30. Juni 2010 auf. Sie war von den Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst vorgeschlagen worden. Jochimsen wurde von der Bundestagsfraktion und Landesvertretern einstimmig nominiert.

Nach ihrer Nominierung sagte Jochimsen: „Ich möchte vor allem Schirmherrin sein für die Schwachen und Benachteiligten.“ Sie wolle als „Friedensstifterin“ und „Vereinigerin“ auftreten.

Gregor Gysi würdigte vor allem die Leistungen Jochimsens als Friedensaktivistin und ihre Fähigkeit, zu integrieren. „Sie ist geeignet, an alle Bürgerinnen und Bürger zu denken“, sagte er. Parteichef Klaus Ernst sagte, Jochimsen könne ein „Anwalt des Volkes auch gegen die Regierenden“ sein.

Die Nominierung einer eigenen Bewerberin für das höchste Staatsamt war in der Linken durchaus umstritten, weil es sich um eine chancenlose Bewerberin und damit eine reine Zählkandidatin handelte. [3] Doch verhinderte sie letztendlich mit ihrer Kandidatur die Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten. [4]

Auszeichnungen

  • 1971 Adolf-Grimme-Preis
  • 1981 Alexander-Zinn-Preis
  • 1984 Prix Italia
  • 2000 Hedwig-Dohm-Urkunde
  • 2001 Hessischer Verdienstorden

Kontakt

Dr. Lukrezia Jochimsen
im Deutschen Bundestag
Unter den Linden 50
10117 Berlin

Rowohlt, 1978
Rowohlt, 1981

Telefon: 030 / 22 77 71 56
Telefax: 030 / 22 77 68 56
E-Mail: lukrezia.jochimsen(at)bundestag.de

Veröffentlichungen (Auswahl)

Dissertation

  • Lukrezia Jochimsen (geb. Schleußinger): Zigeuner heute. Untersuchung einer Außenseitergruppe in einer deutschen Mittelstadt. Universität Münster, Phil. Fak, Dissertation vom 26. Juli 1961. Münster, 1961, XI, 113 S.

Monographien

  • Lukrezia Jochimsen: Zigeuner heute. Untersuchung einer Außenseitergruppe in einer deutschen Mittelstadt. Stuttgart: Enke, 1963, XI, 113 S. (Soziologische Gegenwartsfragen; N.F. Heft 17)
  • Hrsg.: § 218 - Dokumentation eines 100jährigen Elends. Hamburg: Konkret-Buchverlag, 1971, 170 S. (konkret extra; Band 20)
  • Hinterhöfe der Nation. Die deutsche Grundschulmisere. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1971, 115 S., ISBN 3-499-11505-5 (=rororo aktuell; 1505)
  • Erich Frister, Luc Jochimsen (Hrsg.): Wie links dürfen Lehrer sein? Unsere Gesellschaft vor einer Grundsatzentscheidung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1972, 185 S., ISBN 3-499-11555-7 (rororo; 1555: rororo aktuell)
  • Sozialismus als Männersache oder kennen Sie „Bebels Frau“? Seit 100 Jahren ohne Konsequenz. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1978, 121 S., ISBN 3-499-14350-X (Rororo; 4350: rororo aktuell)
  • Frauen heute. Eine Bestandsaufnahme. Hrsg. von Willy Brandt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1981, 266 S., ISBN 3-499-17391-3 (Rororo; 7391, rororo-Sachbuch)
Aufbau-Verlag, 2004
  • Tele-gramme aus London. Hamburg: Konkret-Literatur-Verlag, 1986, 220 S., ISBN 3-922144-59-4
  • Margot Brunner, Karin M. Frank-Cyrus (Hrsg.): Die Frau in der Sprache. Gespräche zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch. Gesellschaft für Deutsche Sprache (GfdS), Referat Frauenbeauftragte beim Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Wiesbaden. Wiesbaden: GfdS, Wiesbaden: Frauenbuchversand, 1998, VIII, 173 S., ISBN 3924882037
    • Inhalt: Kennt Sprache kein Geschlecht? Sexismus im Sprachgebrauch: Margot Brunner: Demokratisierung der Sprache? - Karin M. Frank-Cyrus: Gäste und Gästinnen - Luise F. Pusch: Sprache ist Werbung für den Mann, damit ist jetzt Schluß - Theodor Ickler: Frau und Sprache - Wie die Frauen zur Sprache kamen. Geschichte der feministischen Sprachkritik: Rudolf Hoberg: Frauen und Männer in der Sprache: Wir sollten das Thema ernst, aber nicht zu ernst nehmen - Karin M. Frank-Cyrus: Feministische Sprachkritik - ein Überblick - Gerhard Stickel: Der Sprachfeminismus geht in die falsche Richtung - Stellungnahmen zur feministischen Sprachkritik: Eva Brinkmann to Broxten, Claudia Burgsmüller - „Lasset die Frauen schweigen“ (1. Korinther 14,34) Welches Frauenbild vermitteln die Medien?: Karin M. Frank-Cyrus: Frauen kommen zu Wort. - Auf dem Podium: Luc Jochimsen, Christina Oberst-Hundt, Stephan Sattler, Anne Volk, Heike Schmoll. - PDF-Datei
  • Warenhaus Journalismus. Erfahrungen mit der Kommerzialisierung des Fernsehens. Hrsg. von Wolfgang R. Langenbucher, Theodor-Herzl-Vorlesung. Wien: Picus-Verlag, 2004, 129 S., ISBN 3-85452-788-8

Literatur

  • Richard Sautmann: Luc Jochimsen als Bundespräsidentin: Biografie der Kandidatin. In: Suite101.de, Das Netzwerk der Autoren, vom 8. Juni 2010 - Suite101.de
  • Daniel Friedrich Sturm: Spargelfahrt. Altkanzler trifft Joachim Gauck. In: Die Welt vom 9. Juni 2010 - WELT
  • dpa: Luc Jochimsen – vom »Rotfunk« in den Bundestag. Linke nominiert Nürnbergerin. In: Nürnberger Zeitung Nr. 129 vom 9. Juni 2010, S. 4 - NZ
  • Herbert Fuehr: Die Linke im Abseits. Eigene Präsidentschafts-Kandidatur ist Unsinn. In: Nürnberger Nachrichten vom 9. Juni 2010 - NN
  • dpa: Linken-Kandidatin sorgt für Wirbel. Luc Jochimsen: DDR war kein Unrechtsstaat. In: Nürnberger Zeitung Nr. 137 vom 18. Juni 2010, S. 4 - NZ
  • dpa/apn: Trotz konträrer Ansichten zur DDR-Vergangenheit. Gauck folgt Einladung der Linkspartei. In: Nürnberger Zeitung Nr. 138 vom 19. Juni 2010, S. 4 [5]

Querverweise

Netzverweise

  • Dr. Lukrezia Jochimsen, DIE LINKE. Publizistin - bundestag.de

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. dpa: Luc Jochimsen – Linke Publizistin in der Politik. In: Nürnberger Zeitung vom 8. Juni 2010 - NZ
  2. Steffi Dobmeier: An der Seite der Macht. In: Thüringer Allgemeine vom 19. Juni 2010 - TA
  3. dpa: Linke nominiert Nürnbergerin für Präsidentenwahl. In: Nürnberger Zeitung vom 7. Juni 2010 - NZ
  4. Richard Sautmann: Luc Jochimsen als Bundespräsidentin: Biografie der Kandidatin. In: Suite101.de, Das Netzwerk der Autoren, vom 8. Juni 2010 - Suite101.de
  5. Der Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck folgt einer Einladung der Bundestagsfraktion der Linkspartei zu einem Gespräch, wie er den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe zufolge sagte. Die Partei hatte den Bürgerrechtler und dessen Gegenkandidaten Wulff für den 29. Juni eingeladen.
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