Rechtschreibreform (Diether Steppuhn)

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Der Artikel Rechtschreibreform (Diether Steppuhn) enthält einen Beitrag des Juristen Dr. Diether Steppuhn und Musikjournalisten, Würzburg, aus dem CDU-Forum vom 23. August 2003.

Zur Vorgeschichte

Da die meisten Zeitungen seit 1. August 1999 Leserbriefe mit Kritik an der Rechtschreibreform kürzten, in die neue Schulschreibung umwandelten oder gar unterdrückten, schrieb auch Diether Steppuhn seine Kritik an der Rechtschreibreform in das CDU-Forum. Da solche kritischen Beiträge politisch nicht korrekt sind, verschwanden sie im CDU-Forum. Ein Conny aus Berlin hatte diese Gefahr erkannt und den Beitrag gerettet.[1]

Zur „Rechtschreibreform“ (CDU-Forum)

Schreibsprache verhunzt

Man mag von Politikern aller Couleur das Wort „Reform“ schon gar nicht mehr hören - seit vielen Jahren dient es zur sprachnebelhaften Verschleierung von Aktionismus, der nichts verbessert, sondern dem Wählervolk nur Honig ums Maul schmiert, damit es glauben soll, daß die Politik Mißstände erkannt hat und grundlegend beseitigen will. Die jetzige Regierung übertrifft dabei mit der Unzahl von „Reform“-Themen ihre Vorgänger noch um ein Vielfaches!

Die unsägliche Rechtschreib-„Reform“ - die genau das Gegenteil dessen ist, was laut Duden dieses Wort mit „Umgestaltung, Neuordnung, Verbesserung des Bestehenden“ bedeutet - hat jetzt fünf Jahre lang unsere Schreibsprache verhunzt. Die beabsichtigten Verbesserungen sind vor den vielen Verschlechterungen nicht mehr zu erkennen, die wir tagtäglich in allem erleben, was an Geschriebenem auf uns einstürzt, ob in Zeitungen, Zeitschriften, Werbeblättern, Plakaten, geschäftlichen oder privaten Mitteilungen als Brief oder Postkarte.

Fachleute haben das lange erkannt und beschrieben; es gibt unzählige Untersuchungen mit dem Ergebnis, daß sich die angeblich beabsichtigten Erleichterungen beim Schreiben und Lesen nicht erfüllt haben. Angesehene Schriftsteller verbieten den Verlagen, ihre Werke im neuen „Dummschrieb“ zu veröffentlichen, neben der FAZ haben sich auch andere Zeitungen und Verlage wieder besonnen und sind zur bewährten früheren Schreibweise zurückgekehrt. Es gibt inzwischen nicht nur viele eigene - und damit unterschiedliche - Zeitungsverlag-Rechtschreibungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch etliche Wörterbücher, die sich in Dutzenden von Details wiederum voneinander unterscheiden: von einer einheitlichen neuen Rechtschreibung kann schon lange nicht mehr gesprochen werden.

Viele Mitglieder der Kultusministerkonferenz, die uns das alles ungefragt eingebrockt hat, haben das Desaster inzwischen erkannt und manche haben persönlich die Konsequenz gezogen und sind aus der Konferenz ausgeschieden, einige davon mit lautem Protest. Andere, die früher einmal die „Reform“ vehement verteidigten - darunter der bayerische Minister Hans Zehetmair -, haben ihren Irrtum eingesehen, aber nicht die Traute, daraus die richtige Konsequenz zu ziehen: Rückkehr zur bewährten früheren Rechtschreibung und dann behutsame Anpassung an den sich ständig wandelnden Sprachgebrauch.

Viele Zeitungen haben den fünften Jahrestag der Einführung der „Reform“ benutzt, um den großen Erfolg des „Dummschriebs“ zu feiern; sie fanden auch genügend Professoren, Lehrer und selbsternannte Fachleute, die diesen Erfolg bestätigen. Gottseidank gibt es aber auch Wissenschaftler, Lehrer, Schreiberlinge und Journalisten, die etwas genauer hinsehen und sich nicht nur darüber empören, wie diese „Reform“ - sie war eine rein politische Maßnahme, durch wirtschaftliche (Geld-) Interessen weniger Verlage ausgelöst! - zustandekam, sondern die vor allem die Befürchtung umtreibt, daß die allenthalben feststellbare fortschreitende Oberflächlichkeit und Wurstigkeit unserer Mitbürger, vor allem der jungen, im Umgang mit der deutschen Sprache wachsen wird. Das ist um so schlimmer, als gerade die meisten junge Menschen wegen der neuen Medien und der Digitaltechnik ihrer Handys - ohnehin schon Statussymbol - oft nur noch in Satzfetzen reden, kaum noch schreiben und noch weniger lesen. Wer etwa Nachhilfe in Latein und Englisch gibt wie ich, möchte oft daran verzweifeln, daß einfachstes Grundwissen über Sprach- und Satzstrukturen fehlt, daß der Wortschatz immer kleiner wird, daß man nur noch wenige Synonyme kennt und auch nur selten weiß, daß WinWord einen Synonyma-Thesaurus anbietet, den man mit „Shift + F7“ nur aufzurufen braucht. Apropos WinWord: man hat ja ein Rechtschreibprogramm, das automatisch alle Fehler beseitigt, denkt man; aber das stimmt nicht, weil abgesehen von den unterschiedlichen Wörterbüchern, die ich bereits erwähnte, auch die neuen Regeln schon mehrfach geändert wurden und wohl auch weiter geändert werden, so daß gerade in Zweifelsfällen die Antwort des Rechtschreibprogramms wieder falsch sein kann, was zu der erleichternden Erkenntnis führt, daß alles irgendwie richtig sein könnte, und genau so vielfältig sieht das heute Geschriebene aus!

Man muß nur einmal in der FAZ vom 1. August 2003 den Beitrag von Heike Schmoll lesen und auch, was Minister Hans Zehetmair in derselben Ausgabe in der Rubrik „Fremde Federn“ über „Fünf Jahre Rechtschreibreform - besonnen korrigieren“ schreibt, um zu erkennen, welches Durcheinander inzwischen herrscht. Fast alle Leserbriefe, welche die FAZ daraufhin erhielt und abdruckte, stimmen darin überein, daß diese „Reform“ nie eine war und nie eine werden kann, sondern dafür sorgen wird, daß kritisches Sprachbewußtsein für die Feinheiten unserer deutschen Sprache weiter schwindet und sich ernüchternde PISA-Ergebnisse im Lesen und Schreiben und Sich-Ausdrücken-Können wiederholen werden.

Was mich selber am meisten ärgert, ist die Frechheit, mit der eine dazu nicht berufene Ministerrunde mir viele Wörter meines deutschen Sprachschatzes einfach gestohlen hat, weil sie nach dem neuen „Dummschrieb“ nicht mehr existieren: es sind die Wörter, die zusammengeschrieben einen anderen Sinn haben, als wenn man sie getrennt schreibt. Es ist ein hör- und spürbarer Unterschied, ob ich jemand wieder sehe, weil er gerade hinter dem Haus verschwunden war, oder ob ich ihn nach langer Abwesenheit wiedersehe - im ersten Fall betone ich beim Sprechen jedes der beiden Wörter für sich und im zweiten hat das Wort nur eine Betonung auf der ersten Silbe. Das gilt für viele andere Wörter auch, etwa heilig sprechen und heiligsprechen oder viel versprechend oder vielversprechend und andere mehr. Ich empfinde das als Sprachdiebstahl, zu dem niemand berechtigt ist, schon gar nicht ein politisches Gremium!

Und wenn schon von Unsinnigem im neuen „Dummschrieb“ die Rede ist, dann muß ich nur einen Leserbrief von Frau Rominte van Thiel in der FAZ vor kurzem zitieren, die über den „haarsträubenden Unsinn“ schreibt, „der jetzt in allem Gedruckten zu sehen ist. Wahrscheinlich entsprechend der Maxime, daß Verbindungen mit Partizipien möglichst auseinandergerissen werden müssen (was Nachschlagen bei fast jedem Wort bedeutet, denn wer kann schon den Unterschied zwischen hoch begabt, hochberühmt, hoch empfindlich, hoch erfreut oder wahrscheinlich genausogut andersherum erkennen?), tauchen jetzt Fehler auf, die früher so gut wie nie gemacht wurden und auch nach der „Reform“ welche sind: Sie hat mit Haut reizenden Stoffen zu tun; beim Orgel spielen muss er sich konzentrieren, Nachbar schützende Abstandsflächen, die Asthma kranke, die Frau hat das Unfallgeschehen wahr genommen, der Urwald erprobte Missionar, 36-jährige Jungfrau geborene sucht Lebenspartner, Spülmaschinen und Tiefkühl geeignete Dosen. Das alles in diesem Stil an einem beliebigen Tag in beliebigen Druckerzeugnissen und auf Handelsprodukten... Es ist sowieso ein Unsinn, die Schüler als Maßstab für das geschriebene Wort zu nehmen... Ohnehin ist wahrscheinlich einfach der Maßstab heruntergesetzt worden, und - welch Wunder - plötzlich sind weniger Fehler da!“

Werden die Herren und Damen der heutigen Kultusministerkonferenz den Mut haben, ihren Irrtum einzugestehen und daraus die einzig richtige Konsequenz zu ziehen: Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung und Einstampfen aller neuen Wörterbücher? Es bleibt zwar zu hoffen, aber angesichts der politischen Dickköpfigkeit, die sich inzwischen immer mehr zu einer Riesenwurstelei an allem und jedem entwickelt, was „reformbedürftig“ ist oder erscheint, habe ich leider große Zweifel.

Und daß die CDU/CSU-Union hier nicht mutig zur „Reform-Umkehr“ aufruft, ist ernüchternd und bedauerlich: ich bin nämlich überzeugt, sie könnte mit einem solchen Vor-Marsch leicht und schnell eine streitbare Phalanx von Sprachbewußten hinter sich scharen und viele Punkte für einen neuen Wahlsieg der CSU in Bayern sammeln!

Dr. Diether Steppuhn, Würzburg [2]

Literatur

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland (Hrsg.): Die Reform als Diktat. Zur Auseinandersetzung über die deutsche Rechtschreibung: Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2000, 119 S.
  • Hans Zehetmair: Fünf Jahre Rechtschreibreform - besonnen korrigieren. FREMDE FEDERN: Hans Zehetmair. In: FAZ, Nr. 176 vom 1. August 2003, Seite 10 - VRS-Forum

Querverweise

Netzverweise

  • Kategorie: Deutsche Rechtschreibung - Wikipedia
  • Deutsche Rechtschreibung im 20. Jahrhundert - Wikipedia
  • Portal:Deutsche Rechtschreibung - Wikipedia
  • Sprachpflege – Sprechpflege – Schreibpflege (Ulrich Werner) - VRS-Forum
  • CDU-Forum - im Netz
  • Maulkorb für Reformkritiker im CDU-Forum - VRS-Forum
  • CSU-Forum: PISA und die Rechtschreibreform - VRS-Forum
  • CDU-NRW-Forum: PISA und die Rechtschreibreform - VRS-Forum
  • Kein Rechtschreibgesetz - „Die Sprache gehört dem Volk!“ - VRS-Forum
  • Rechtschreibreform und Nationalsozialismus - VRS-Forum
  • Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege (VRS), Schwaig bei Nürnberg - im Netz

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. [534] Conny, Berlin, 23.09.03 Sehr geehrter Herr Stetten, gestatten Sie mir, Ihnen zwei Fragen zu stellen: 1) Was veranlaßt Sie, an einer fehlerhaften Wörterliste festzuhalten und sie sogar hier unter Ihrem guten Namen auszustellen? 2) Was glauben Sie, wie oft die Wörterbücher noch geändert werden müssen, bis sie alle wieder ungefähr gleich sind, und in welche Richtung werden diese Veränderungen gehen? Ich habe mir inzwischen sämtliche Wörterlisten angeschaut (RSK, Duden, Bertelsmann). Sie haben alle eins gemeinsam: Mit völlig überflüssiger Genauigkeit werden immer wieder Wörter aufgeführt, deren einzige Unterscheidung von der alten RS das ss ist (Schloss, Nuss etc.). Aber möchte man Wörter mit wohl-, hoch- anschauen, wird man auf den entsprechenden Paragraphen verwiesen, von dem ich mich frage, wer daraus schlau werden soll. Ich habe jedenfalls noch niemanden getroffen. Im Forum www.rechtschreibreform.com wurde für eine schlüssige Erklärung der Paragraphen 34 und 36 schon mal eine Prämie von 500 Euro (seinerzeit noch in DM) ausgelobt. Wer weiß, vielleicht steht das Angebot noch, und Sie machen den Gewinn! Für alle Interessierten hier ein schöner Artikel, den ich im CDU-Forum gefunden habe, passenderweise von einem Kollegen aus Würzburg!
  2. Diether Steppuhn: Zur „Rechtschreibreform“. In: CDU-Forum vom 23. August 2003 - im Netz Alle Parteien und Zeitungen ließen in ihren Foren nach einiger Zeit die jeweiligen Stränge „PISA und die Rechtschreibreform“ und „Zur Rücknahme der Rechtschreibreform“ und ähnliche reformkritische Stränge verschwinden.