Liberalitas Bavariae

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Die Liberalitas Bavariae, auch Liberalitas Bavarica, gilt als der oberste Leitsatz in Bayern.

200 Jahre Franken in Bayern. Aufbruch in eine neue Zeit 1806 bis 2006
Tourismusverband Franken e.V., 2006
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Bedeutung

Dieser lateinische Begriff meint drei Dinge: Die Freiheit von Bayern, die bayerische Freigebigkeit und die freiheitliche Gesinnung der Bayern.[1]

Liberalitas Bavariae steht vor allem für Weltoffenheit, Toleranz und Großherzigkeit, für das „Leben und leben lassen“.

Beispiele

An dem im Jahre 1733 erbauten Portal der Pollinger Stiftskirche „St. Salvator“ steht „Liberalitas Bavarica“ als Dank für die Freigiebigkeit, die den Kirchenbau ermöglicht hat.

Seit Jahrhunderten nützt man die Fastnacht, hinter einer Maske verborgen, denen da oben die Meinung zu sagen. Aber schon der Nürnberger Schembartlauf wurde 1539 verboten.

Heute gibt es die Fränkische Fastnacht, insbesondere die „Fastnacht in Franken“ in Veitshöchheim oder auch das „Derblecken“ mit der Fastenpredigt auf dem Münchner Nockherberg, in der Bruder Barnabas kritisch Politikern seinen Spiegel vorhält. Aber manch ein Bruder Barnabas trat nur einmal auf ...

2011 löste Luise Kinseher den Bruder Barnabas ab und hielt als erste Frau in der Rolle der Bavaria die Salvatorrede bzw. Bußpredigt. [2]

Auch Kabarettisten nützen die Liberalitas Bavariae, gesellschaftliche Mißstände zu kritisieren.

Kritik

Die Wirklichkeit der freiheitlichen Gesinnung sieht in Bayern oft anders aus. Einerseits wird die Meinungs- und Handlungsfreiheit eingeschränkt, andererseits wird sie übertrieben.

Einschränkung

Eine bayerische Volksweisheit heißt: „Bei uns hat jeder das Recht, sich der Meinung der Mehrheit anzuschließen.“ Das bedeutet, daß oppositionelle Meinungen unterdrückt werden, so auch in den Medien. Dazu gehört z.B. der Tendenzschutz des Verlegers, der bestimmen kann, was in seiner Zeitung geschrieben werden darf und was nicht. So wird z.B. der eine oder andere Leserbrief-Redakteur in vorauseilendem Gehorsam in Leserbriefen das streichen, was der Meinung des Verlegers widerspricht. Einen Leserbrief-Redakteur, der die Meinungsfreiheit der Leser achtet, könnte man strafversetzen und z.B. zum Schlußredakteur machen.

Demzufolge muß in der angeblichen streitbaren und wehrhaften Demokratie das Grundrecht der freien Meinungsäußerung und Pressefreiheit gegen die jeweils herrschenden Meinungsführer immer wieder neu erkämpft werden.

Übertreibung und Mißbrauch

Das Unterdrücken oppositioneller Meinungen führt dazu, daß man nach Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung sucht. Dies tun Schriftsteller, indem sie die gesellschaftlichen Verhältnisse literarisch verfremdet darstellen. Oder man nützt in Anlehnung an das Beispiel der Narrenfreiheit der Hofnarren einmal jährlich die Gelegenheit, an Fastnacht den Herrschenden die Meinung zu sagen.

In neuester Zeit dient die Freiheit des Internets dazu, in MediaWikis unter Pseudonym und als Nummer Kritik zu äußern. Allerdings zeigt sich auch in dieser Subkultur, daß oppositionelle Meinungen immer dann unterdrückt werden, wenn sie den Administratoren oder den hinter ihnen stehenden Geldgebern politisch nicht passen. Das Internet wird zum Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Erfinder der Internetlexika urteilen:

  • „Wir glauben, daß manche Leute Idioten sind und besser nicht an einer Enzyklopädie mitschreiben sollten.“ Jimmy Wales in Die Welt, 26. Juni 2006. [3]
  • „Die schlimmste (Idee) ist der Glaube an die sogenannte Weisheit der Massen, die im Internet ihre Vollendung finde. (...) Schnell wird der Einzelne Opfer des Mobs; die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen. (...) Mir graut vor der Vorstellung, in 15 oder 20 Jahren könnte Erziehung auf dem Wikipedia-Prinzip beruhen: Man ermittelt den Durchschnitt von Meinungen. (...) Es ist im Grunde eine neue Religion.“ Jaron Lanier in Der Spiegel, 13. November 2006. [4]

Schon George Orwell urteilte:

  • „Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.” George Orwell: 1984[5]

Literatur

  • Georg Lohmeier: [6] Liberalitas Bavariae. Von den guten und weniger guten alten Zeit in Bayern. München: Ehrenwirth, 1971, 344 S., ISBN 3-442-2650-3; 1. Auflage. München: Goldmann, 1978, 343 S., ISBN 3-442-26505-3 (= Goldmann TB, 26505); 3. erweiterte Auflage. München: Ehrenwirth, 1985, 411 S., ISBN 3-431-02696-6
Uecker Weissblaues Contra 33565861.jpg
  • Bernhard Ücker: Weißblaues Contra. Das ist Hilfreiche Betrachtungen für bayerische Gespräche mit Preußen. München: Süddeutscher Verlag, 1974, 190 S., ISBN 3-7991-5806-5
  • Der Liberalitas Bavariae - Lebenswerte Zukunft in einem liebenswerten Bayern. In: Wilfried Scharnagl: Bayern und Strauß - Lebenswerk und Abschied. Percha: Verlag R. S. Schulz, 1989, 248 Seiten
  • Richard Faber (Hrsg.): Liberalismus in Geschichte und Gegenwart. Würzburg: Königshausen und Neumann, 2000, 271 S., ISBN 3-8260-1554-1
  • 200 Jahre Franken in Bayern - Aufbruch in eine neue Zeit 1806 bis 2006. Tourismusverband Franken e.V., 2006, 60 S.
  • CE: Über ein bayerisches Urgefühl – „Liberalitas Bavariae“ (Quelle: Egon Johannes Greipl: in ZBLG 52/1989) - In: Chiemgau Online vom 3. Dezember 2009 - im Netz
  • Wolfgang Lieb: Liberalitas Bavariae adieu – oder die Risiken der direkten Demokratie, 9. August 2010 - nachdenkseiten.de

Querverweise

Netzverweise

  • Liberalitas Bavariae, Mitgliedermagazin der bayerischen FDP - PDF-Datei

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Bernhard Ücker: Weißblaues Contra. Das ist Hilfreiche Betrachtungen für bayerische Gespräche mit Preußen. München: Süddeutscher Verlag, 1974, 190 S., ISBN 3-7991-5806-5; hier: S. 35
  2. dpa: Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg. „Mama Bavaria” liest „Horsti“ die Leviten. In: Nürnberger Zeitung vom 23. März 2011 - NZ
  3. Ulrike Langer: „Glauben an das Gute“ - Interview mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über seine Internet-Enzyklopädie und die Intelligenz der Netz-Gemeinde. In: Die Welt vom 26. Juni 2006 - WELT
  4. Jörg Blech und Rafaela von Bredow: Eine grausame Welt. Der Digitalvisionär Jaron Lanier über seine Zweifel an Wikipedia, den gefährlichen Glauben an die Weisheit der Massen und die mächtige Religion der Computerfreaks. In: Der Spiegel Nr. 46 vom 13. November 2006 - SPIEGEL
  5. Quelle: Gerd Roppelt: Einsichten und Aussichten - Wikipedia
  6. Georg Lohmeier, * 9. Juli 1926 Loh bei Erding; Schriftsteller und königlich-bayerisches Original; Lohmeier ist nicht nur ein erfolgreicher Erzähler und Komödienschreiber, sondern auch ein kenntnisreicher Historiker, der in alten Archiven so manche Rarität aus der bayerischen Geschichte fand. So findet sich auch in den hier gesammelten Aufsätzen allerlei, was man nicht in jedem Geschichtsbuch oder Lexikon nachschlagen kann. Wer wußte zum Beispiel, daß sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein bayerischer Mönch anonym über die Mißstände innerhalb der Kirche ausgelassen hat - in einem Buch, das sofort auf den Index kam? Wer wußte, daß der Ort Halbergmoos auf einen Reichsfreiherrn Isidor von Hallberg-Broich zurückgeht, ein wahres Gegenstück zum norddeutschen Baron von Münchhausen? 24 unbekannte Kapitel aus Bayerns Vergangenheit - vom ersten Jahrtausend u.Z. (Tassilo III.) bis zur Gegenwart.